Warum müssen Bienen überhaupt gefüttert werden?
Honigbienen sind in der Lage, unter guten Tracht-Bedingungen weit mehr Honig zu produzieren, als sie für ihre eigene Versorgung benötigen. Genau diesen Überschuss erntet der Imker. Was bleibt, reicht in der Regel nicht aus, um das Volk durch den Winter zu bringen. Die Wintereinfütterung ist daher kein Notbehelf, sondern ein strukturell notwendiger Teil jeder modernen Imkerei.
Daneben gibt es Situationen, in denen Bienen auch außerhalb des Herbstes Futter benötigen: bei Frühjahrsmangel, während Trachtlücken im Sommer, nach dem Aufbau von Ablegern oder bei kranken und geschwächten Völkern.
Die drei wichtigsten Futtermittel
1. Zuckerlösung (Saccharose-Wasser)
Die einfachste und günstigste Variante ist selbst angerührtes Zuckerwasser aus handelsüblichem Kristallzucker (Saccharose aus Zuckerrüben). Wichtig: nur weißen Haushaltszucker verwenden – kein Puderzucker (enthält Stärke), kein Rohrzucker (enthält Melasse), keine Fruktose. Brauner Zucker und Melasse enthalten Stoffe, die Bienen nicht verdauen können und zu Durchfall führen.
Die Mischungsverhältnisse sind nicht beliebig:
- 1:1 (1 kg Zucker auf 1 l Wasser): Dünnflüssige Lösung für die Frühjahrsreizfütterung oder zur Unterstützung beim Wabenbau. Sie simuliert eine beginnende Tracht und regt Brutaktivität an. Nicht für die Wintereinfütterung geeignet – zu verdünnt und zu leicht verderblich.
- 3:2 (3 kg Zucker auf 2 l Wasser): Die klassische Wintereinfütterungslösung. Dickflüssig, energiereich, gut von den Bienen einzulagern. Diese Konzentration entspricht ungefähr der Nektarkonzentration einer ertragreichen Tracht.
Kritisch: Frisch angerührte Lösung sofort anbieten. Zuckerwasser verdirbt bei Wärme innerhalb von Stunden durch Fermentation. Niemals heiße Lösung anbieten – Temperaturen über 40 °C zerstören Enzyme und können das gesundheitsschädliche HMF (Hydroxymethylfurfural) entstehen lassen.
2. Fertigsirup (Invertzucker)
Kommerzielle Fertigsirupe wie Apiinvert oder vergleichbare Produkte bestehen aus vorinvertiertem Zucker – Saccharose wurde bereits in Glukose und Fruktose aufgespalten, ähnlich wie es die Bienen selbst tun würden. Das schont die Bienen, weil sie das Futter weniger aufwändig verarbeiten müssen.
Vorteile: mikrobiell stabil, monatelange Haltbarkeit, keine Gärungsgefahr, direkt einsetzbar. Nachteile: deutlich teurer als Kristallzucker (ca. 1,20–1,80 Euro pro Kilogramm gegenüber 0,50–0,80 Euro). Für die späte Herbsteinfütterung (ab Mitte September), wenn die Bienen wenig Zeit zum Verarbeiten haben, ist Fertigsirup die bessere Wahl.
3. Futterteig (Candy)
Futterteig ist eine fertig geknetete Paste aus Puderzucker, Honig oder Invertzucker. Er wird nicht getrunken, sondern von den Bienen direkt beknabbert. Futterteig ist die einzige Möglichkeit, Bienen bei Temperaturen unter 10 °C zu füttern – bei denen flüssige Fütterung nicht mehr funktioniert.
Hauptanwendungsgebiet: Notfütterung im Winter (Januar–Februar), wenn ein Volk zu verhungern droht. Der Teig wird direkt auf die Bienen über der Wintertraube gelegt – durch das Flugloch geschoben oder nach kurzem Öffnen des Deckels bei weniger als −5 °C (möglichst schnell wieder schließen). Kein Ersatz für die vollständige Herbsteinfütterung.
Zeitplan: Wann füttern?
Herbst (August bis Ende September): Wintereinfütterung
Dies ist die wichtigste Fütterungsphase des Jahres. Nach der letzten Honigernte werden die Wintervorräte aufgebaut. Die benötigte Futtermenge richtet sich nach dem Beutensystem:
- Einzargige Völker (z. B. Dadant, Einraumbeute): mindestens 15 kg eingelagertes Winterfutter
- Zweizargige Völker (z. B. Zander, DNM): mindestens 18–22 kg eingelagertes Winterfutter
Da der Honig schon geerntet ist, werden diese Mengen mit Zuckerlösung (3:2) oder Fertigsirup aufgefüllt. Achtung: Angebotene Futtermenge ≠ eingelagerte Menge. Ein Teil verdunstet, ein Teil bleibt im Vorratsfuttergerät. Als Faustregel: Das Doppelte der gewünschten Einlagerungsmenge anbieten.
Fütterungszeitraum: bis spätestens 10.–15. September. Danach sinken die Stocktemperaturen, die Bienen sind weniger aktiv und können das Futter nicht mehr vollständig einlagern und verarbeiten. Wer im Oktober noch füttert, riskiert unausgetrocknetes Futter mit zu hohem Wassergehalt – das gärt im Winter.
Frühjahr: Reizfütterung und Notversorgung
Im Frühjahr (Februar/März) gibt es zwei Gründe zu füttern:
- Notversorgung: Wenn der Futtervorrat zur Neige geht. Futterteig oder dünnes Zuckerwasser (1:1), sobald die Außentemperaturen über 10 °C steigen.
- Reizfütterung: Kleine Mengen dünner Zuckerlösung (1:1), die den Necktarfluss simulieren und die Königin zu verstärkter Eiablage anregen sollen. Diese Methode ist unter Imkern umstritten – Experten der LWG Bayern weisen darauf hin, dass ein gesundes Volk mit ausreichendem Futtervorrat keine Reizfütterung braucht, da die natürlichen Frühjahrstrachtpflanzen (Weide, Hasel, Frühblüher) diese Funktion übernehmen.
Technische Umsetzung: Futtermittel richtig anbieten
Flüssiges Futter wird in speziellen Futtervorräten angeboten: Futtereimer, Futtertaschen, Bodenfütterung oder Zangenrahmen-Fütterung. Wichtig bei allen Varianten: Ertränkungsschutz für die Bienen (Schwimmstücke oder Drahtgitter) und Räubereischutz durch abendliche Fütterung und enge Fluglochöffnung.
Als Grundregel gilt: Abends füttern, nie morgens oder tagsüber. Geruch des Futters lockt Bienen aus Nachbarvölkern an – Räuberei ist in der futterarmen Nachsommerzeit die größte Gefahr.
Häufige Fehler und wie man sie vermeidet
- Zu spät einfüttern: Ab Oktober nehmen Bienen kaum noch Futter an. Wer bis Ende September nicht fertig eingefüttert hat, muss im Frühjahr mit schwachen Völkern rechnen.
- Zu warm mischen: Zuckerlösung nie mit kochendem Wasser anrühren. Lauwarmes oder kaltes Wasser ist ausreichend und bildet kein HMF.
- Rohrzucker oder Braunzucker verwenden: Beide sind ungeeignet. Nur weißer Rübenzucker (Saccharose) ist für Bienen bekömmlich.
- Zu viel füttern: Wenn Bienen schon gut eingelagert haben, schränkt überschüssiges Futter das Brutnest ein. Immer zunächst prüfen, ob wirklich ein Defizit besteht.