Was ist eine Stockkarte und warum ist sie unverzichtbar?
Die Stockkarte ist das individuelle Tagebuch jedes Bienenvolkes – ein chronologisches Protokoll aller Beobachtungen, Eingriffe und Zustände, die ein Imker bei der Durchsicht festgestellt hat. Für jeden erfahrenen Imker gilt: Wer seine Stockkarten nicht pflegt, verliert den Überblick. Besonders wenn man mehrere Standorte mit je 5–20 Völkern betreut, ist die schriftliche Dokumentation keine Empfehlung, sondern praktische Notwendigkeit.
Ein wichtiger Praxistipp: Vor dem Öffnen der Beute lohnt es sich, die letzte Eintragung in der Stockkarte zu lesen. So weiß man sofort, auf welcher Seite das Brutnest liegt, ob Weiselzellen markiert waren, ob das Volk zur letzten Durchsicht Schwarmstimmung zeigte – und kann gezielt vorgehen, statt jede Wabe blind zu ziehen.
Was ist eine gesetzliche Pflicht, was ist Empfehlung?
Hier herrscht unter Imkern oft Verwirrung. Die Rechtslage ist eindeutig:
- Die Stockkarte selbst ist in Deutschland keine gesetzliche Pflicht. Es gibt keine Verordnung, die ihre Führung vorschreibt. Sie ist jedoch eine unbedingte Empfehlung aller Imkerverbände.
- Das Bestandsbuch ist gesetzliche Pflicht. Nach dem Tierarzneimittelgesetz (TAMG) muss jeder Imker, der Honig an Dritte weitergibt (auch als Geschenk), jeden Einsatz apotheken- oder verschreibungspflichtiger Arzneimittel lückenlos dokumentieren. Dieses Bestandsbuch ist auf Verlangen dem Amtsveterinär vorzulegen.
Was gehört auf die Stockkarte? – Die sieben Kernbereiche
1. Stammdaten des Volkes
Jede Stockkarte beginnt mit den unveränderlichen Grunddaten: Volksnummer oder -bezeichnung, Bienenrasse (z. B. Carnica, Buckfast), Jahrgang der Königin, Zuchtabstammung oder Kürzel der Belegstelle sowie die Farbe des Markierungspunktes der Königin. Die internationale Farbkonvention für Königinnen-Markierungen lautet: Weiß/Grau (Jahre endend auf 1 oder 6), Gelb (2 oder 7), Rot (3 oder 8), Grün (4 oder 9), Blau (5 oder 0).
2. Volksstärke
Die Volksstärke ist das wichtigste Entwicklungsmerkmal und wird als Anzahl der belagerten Wabengassen oder besetzten Brutwaben angegeben. Für eine aussagekräftige Jahresbeurteilung empfehlen Experten 4–6 Einträge über die Saison verteilt. Eine grobe Skala: 1–3 besetzte Gassen = schwaches Volk; 4–6 = mittelstarkes Volk; 7–10 = starkes Volk; über 10 = sehr starkes Volk im Hochsommer.
3. Königin: Gesehen, Eier, Stiftung
Bei jeder Durchsicht wird vermerkt, ob die Königin direkt gesehen wurde (Kürzel: „K+") oder ob nur frische Eier als Nachweis ihrer Anwesenheit festgestellt wurden (Kürzel: „E+"). Keine Eier und keine Königin bedeuten Weisellosigkeit – ein Notfall, der rasches Handeln erfordert. Auch das Legemuster der Königin (geschlossen und kompakt = gut; lückig = Warnsignal) gehört notiert.
4. Brutnest
Das Brutnest umfasst alle Waben mit offener und verdeckelter Brut. Notiert werden: Anzahl der Brutwaben, Verhältnis offene zu verdeckelter Brut (ein gesundes Volk hat mehr verdeckelte als offene Brut), und etwaige Auffälligkeiten wie eingesunkene Zelldeckel, Schimmelflecken oder ungewöhnliche Gerüche (Hinweis auf Brutkrankheiten wie Amerikanische Faulbrut oder Sackbrut). Der Futterkranz – der ringförmige Streifen aus Honig- und Pollenzellen rund um das Brutnest – zeigt, ob das Volk ausreichend Vorräte hat.
5. Schwarmstimmung und Weiselzellen
Dieser Eintrag ist im Frühjahr und Frühsommer der wichtigste. Notiert wird: Wurden Spielnäpfchen gefunden? Wurden bestiftete Weiselzellen gefunden – und wenn ja, wie viele und wo (Wabenkante, Wabenmitte)? Wurden Weiselzellen gebrochen? Zeigt das Volk äußere Anzeichen von Schwarmstimmung (Bartbildung am Flugloch, Unruhe)? Diese Einträge bestimmen den nächsten Durchsichtsrhythmus: Bei festgestellten Weiselzellen muss die nächste Kontrolle spätestens 7–9 Tage später erfolgen.
6. Honigraummanagement
Datum und Anzahl der aufgesetzten oder entnommenen Honigzargen, geschätzte Füllmenge, Datum der Honigernte und geerntete Menge (in Kilogramm) gehören ebenfalls auf die Stockkarte. Diese Daten ermöglichen über Jahre hinweg einen Vergleich der Honigleistung einzelner Völker – eine unverzichtbare Grundlage für gezielte Zuchtauslese.
7. Behandlungen und besondere Maßnahmen
Jede Varroabehandlung, Fütterung, Königinnenentnahme oder Ablegerbildung wird mit Datum, Mittelbezeichnung und Menge festgehalten. Diese Einträge werden – sofern apothekenpflichtige Mittel verwendet wurden – gleichzeitig ins Bestandsbuch übertragen. Auch Wanderungen (wohin, wann, zurück) und Standortwechsel gehören protokolliert.
Bewertungsskalen: So macht Dokumentation Sinn
Erfahrene Imker arbeiten mit einfachen Skalen, die schnelles Eintragen ermöglichen. Üblich sind:
- Sanftmut: 1 (sehr sanft) bis 3 (stechlustig)
- Wabensitz: 1 (ruhig, sitzt fest) bis 3 (läuft sehr viel)
- Schwarmstimmung: 0 (keine), 1 (Spielnäpfchen), 2 (bestiftete Weiselzellen), 3 (verdeckelte Weiselzellen)
- Varroa-Befallsgrad: Anzahl der Milben/Tag aus der Gemülldiagnose
Diese Einschätzungen fließen direkt in die Zuchtauswahl ein: Nur Völker mit herausragenden Werten in Sanftmut, Honigleistung und Varroa-Hygienegefühl kommen als Zuchtköniginnen in Frage.
Digital oder analog – was empfiehlt sich?
Die klassische Papierstockkarte (wetterfestes Folienpapier oder laminierte Karte) hat den Vorteil, dass sie direkt am Stand ausgefüllt werden kann – auch mit bienenverschmierten Handschuhen. Digitale Lösungen wie Lokalbee bieten den Vorteil automatischer Erinnerungen, Auswertungsdiagramme und die Möglichkeit, Fotos und Behandlungen direkt dem Volk zuzuordnen – inklusive gesetzeskonformem Bestandsbuch auf Knopfdruck. Viele Imker kombinieren beides: Notizzettel am Stand, abends Übertragung in die App.